Ganz wie zu Hause
Wie in amerikanischen Großstädten längst bewährt, überlässt man jetzt auch in Afghanistan das Gesetz bewaffneten Gangs, die “dahin kommen, wo die Polizei nicht hinkommt”. Warum soll was für Zahnpflege gilt nicht auch für die Säuberung eines Landes gelten. Die neuen Ordnungshüter werden sicher das Zutrauen der Menschen zum demokratischen Rechtsstaat nachhaltig bestärken und letzte Zweifel daran beseitigen, ob eine archaische Stammesgesellschaft und das westliche Demokratiemodell zusammenpassen. Schließlich hat Afghanistan reichlich Erfahrung mit Warlords -das hat sich schließlich bewährt.
Den Strategiewechsel wird es nicht geben und einen Rückzug auch nicht, weil ja sonst das Land angeblich im Chaos versinken würde. Natürlich ist so alles viel besser. Ein Wahlbetrüger als Präsident -wenngleich der auch nicht mehr als der Bürgermeister von Kabul ist- bewaffnete Gangs ohne jede Legitimation sorgen für Recht und Gesetz, oder für das, was sie dafür halten.
Für die Fortführung dieser grausamen Farce werden täglich Menschen getötet.
In einer Fernsehdiskussion nahm mal ein afghanischer Studiogast, nachdem er eine Weile den Ausführungen der Gäste aus den Amtsstuben der Ministerialbürokratie gelauscht hatte, die sich wortreich über große Fortschritte ausließen, die auf irgendwelchen Natokonferenzen erzielt worden seien, seinen Turban ab, entwickelte ihn und legte den stattlichen Stoffhaufen auf den Studiotisch. Danach fragte er reihum die Experten, ob sie ihn freundlicherweise wieder um seinen Kopf wickeln könnten. Betretenes Schweigen und hilfloses Lächeln der Gefragten.
“Sehen sie, dass können nur Afghanen und mit unserem politischen Schicksal ist es genauso. Wir leben seit Tausend Jahren dort und kennen die Kultur -sie nicht. Afghanen müssen bestimmen was in Afghanistan passiert.” (aus dem Gedächtnis zitiert).
Seit Mitte des 19 Jahrhunderts war Afghanistan immer wieder Spielball der Interessen von Großmächten, die jede für sich die Afghanen mit ihren Vorstellungen eines politischen Systems beglückten. Man könnte es mal wieder den Afghanen überlassen und all den Unsinn vergessen, mit der Westen seinen derzeitigen Krieg gegen das Volk zu rechtfertigen versucht, denn seien wir ehrlich: Seit wann interessiert uns, welche Kleidungsvorschriften für Frauen einige tausend Kilometer von uns entfernt gelten. Solange die Taliban den Eindruck machten, der Westen könne erfolgreich mit ihnen über Pipelines verhandeln, die uns weiter mit billigem Öl versorgen, war uns ihr Fundamentalismus auch ziemlich gleichgültig.
Es geht um das “Great Game”, darum, wie wir in Zukunft an billiges Öl kommen, oder wie es die Bundesregierung gerne umschreibt, den “gesicherten Zugang zu den Rohstoffen”. Den kann es aber auf Dauer nur in fairen Partnerschaften geben, davon ist aber unsere neokoloniale Weltwirtschaftsordnung, die nach wie vor auf die parasitäre Ausbeutung der Zweiten und Dritten durch die Erste Welt setzt, meilenweit entfernt. Solange sich hier nichts tut werden wir eine endlose Abfolge von Kriegen, Aufständen und Terrorismus erleben.