Wespentaille

Die bunte Kanzlerin träumt ja davon, dass wir stärker aus der Krise herauskommen als wir rein gekommen sind. Stärker heißt hier übrigens stärker verschuldet.  Einzig wichtig ist es, so glaubt man, wieder auf den Wachstumspfad zurück zu kommen. Mit mehr Wachstum -energisch befeuert durch kreditfinanzierte Steuergeschenke- wird sich alles von selbst regeln und wenn es erstmal so richtig läuft kann man ja, wie geplant den Staatshaushalt sanieren oder ,in  Regierungs-Metaphorik,   auf die “Schuldenbremse treten”.

Sanierung der Staatshaushalte heißt in der Regel, dass es gelingt, die sogenannte Nettoneuverschuldung nicht weiter steigen zu lassen. Gelingt dies, ist ein Sparminister geboren, den alle lieb haben und der beste Aussichten hat, in die Geschichte einzugehen. Herunterfahren von Staatsverschuldung kommt übrigens erst in der zweiten  Klasse der Wirtschaftsklippschule dran, die viele nicht mehr mitbekommen, weil sie plötzlich in die Regierung berufen wurden.

Wachstum gut – Verschuldung  schlecht

Dahinter steht die Annahme, dass Verschuldung per se schon mal schlecht ist, weil man nicht  ahnt, dass unser Geld (Schöpfung via Kredit durch die Geschäftsbank) auf  Verschuldung und zwar auf fortwährender Verschuldung beruht. Es wird jeweils Geld in Höhe des ausgebenen Kredits geschaffen. Was fehlt, sind die Zinsen, die aber wiederum vorzugsweise ebenfalls per Kredit in die Welt kommen. So startet eine andauernde Suche nach dem Nachschuldner, der mit seinem aufgenommenen Kredit das Geld für die Zinsen der alten Verbindlichkeiten in Umlauf bringt.

Oder anders gesagt:

“Während Wirtschaftslehrbücher behaupten, dass Menschen und Firmen um Marktanteile und Ressourcen ringen, behaupte ich, dass sie in Wirklichkeit um Geld kämpfen – sie gebrauchen die Märkte und Ressourcen dafür. Die Gier und Furcht vor Mangel wird ständig aufrecht erhalten und verstärkt durch die Art Geld, die wir benützen. Wir können zum Beispiel mehr als genug Essen produzieren um alle satt zu machen und es ist definitiv genug Arbeit auf der Welt da für alle, aber es ist ganz klar nicht genug Geld auf der Erde um für das alles zu bezahlen. Es ist ein Fakt, dass Zentralbanken dafür da sind diesen Mangel zu kreieren und aufrecht zu erhalten. Geld wird geschaffen, wenn es die Banken verleihen. Wenn eine Bank dich mit einer 100.000 $ Hypothek versorgt, dann wird nur der Kreditbetrag geschaffen. Die Bank erwartet, dass du 200.000 $ über die nächsten 20 Jahre zurück bezahlst, aber sie schafft nicht die zweiten 100.000 $ die Zinsen. Die Bank sendet dich anstatt dessen in die harte Welt hinaus, um gegen jeden zu kämpfen, um diese zweiten 100.000 $ zurückzubringen.” Bernard Lietaer, ehemaliger Zentralbanker (EZB)

Man sollte sich also darüber klar sein, dass im modernen Kapitalismus ohne Verschuldung nicht viel geht und mit jedem getilgten Kredit auch das Geld aus der Welt verschwindet. Ein Schuldenabbau ist also nicht der reine Segen, sondern hat durchaus hässliche, deflatorische Nebenwirkungen.

Der Turmbau zu Babel

Das Spiel mit der fortschreitenden Verschuldung kann man ziemlich lange betreiben und wenn man sich die letzte Immobilienblase anschaut könnte man auf den ersten Blick glauben, man habe ein perpetuum mobile entdeckt: Exzessive Vergabe von Hypotheken treiben die Immobilienpreise in zunehmend astronomische Höhen und verschaffen so frisch gebackenen Immobilienbesitzern die Möglichkeit, sich bei steigendem Gegenwert ihrer Immobilie immer höher zu verschulden. Cooles System, besonders dann, wenn man es schafft, durch “Verbriefung” der Kredite das Risiko des Ausfalls über die ganze Welt zu verteilen. Blöd nur, wenn dass Schneeballsystem am Ende kollabiert und die Banken aber noch reichlich Papierchen im Keller haben, die sie noch nicht ihren Kunden aufschwatzen konnten und die jetzt leider wertlos geworden sind.

Das Ergebnis sehen wir heute: Viele Staaten haben letztlich die Risiken übernommen, weil sie Angst hatten, das gesamte Finanzsystem könnte kollabieren, wenn sie ihre eigentlich insolventen Banken pleite gehen lassen.
Viele Länder sitzen nun auf riesigen Schuldenbergen und sehen die Gefahr eines Staatsbankrotts kommen, falls die Zinsen steigen sollten oder sie ihre Staatsanleihen nicht mehr los werden.

Wer soll sich verschulden ?

Für die naiven Wachstumsträume einer Merkel aber ist die Situation ziemlich tödlich. Das tolle Wachstum der jüngsten Vergangenheit beruhte zu einem sehr großen Teil nur auf Pump. Die USA taugte nur als viel gepriesene “Lokomotive” der Weltkonjunktur, weil Millionen Bürger Einkommen durch Kredite ersetzten. Endlose Ketten von Kreditkarten ermöglichten ein Leben über den Verhältnissen und schufen Nachfrage dort, wo eigentlich längst keine mehr war.
Der letzte Boom lässt in vielen Ländern einen hoch verschuldeten privaten Sektor, “Rettungsschirme” und andere Gerätschaften zur Lebenserhaltung von Spekulanten, einen teilweise dramatisch verschuldeten öffentlichen Sektor zurück. Alle sind blank und neue valide Schuldner sind knapp.

Wer also soll jetzt den Nachfragesturm entfachen, den es für das erhoffte Wachstum bräuchte? Der öffentliche Sektor, der nur noch vom Sparen, Einschnitten und Leistungskürzungen spricht? Der private Sektor der Beschäftigten, dessen Gehälter real gesehen in den letzten 10 Jahren stagnierten oder gar zurück gingen und dessen Anteil am Gesamtvolkseinkommen stetig sinkt? All die befristet Beschäftigten oder gar die Niedriglöhner, die zusammen mit den Zeitarbeitern einen immer größer werdenden Teil der arbeitenden Bevölkerung ausmachen? Oder z.B die Mitarbeiter der privaten Postzusteller, die jetzt wegen der überagenden Fähigkeiten der SPD beim Verabschieden von Gesetzen jetzt doch den Post-Mindestlohn nicht kriegen.

Das mit dem Wachstum könnte die nächsten Jahre schwierig werden und der ein oder andere, der geglaubt hat, es könne endlos so weiter gehen, wird sich von dem ein oder anderen Traum wohl verabschieden müssen. Bei Frank Meyer hat das jemand schön zusammengefasst:

Es ist davon auszugehen, dass zahlreiche politische und ökonomische Lebenslügen, wie etwa die Geschichte von den sicheren Renten oder der Glaube an die Tragfähigkeit eines nur marginal finanzierten System privater Versicherungen, im Verlaufe dieses Prozesses über die Reling wandern. Wer noch einen Gürtel hat, kann sich darauf einstellen, diesen enger zu schnallen. In der Lieblingssprache der Weltökonomen gibt es für das Ganze übrigens bereits den Terminus „belt-tightening“.

Spar dich reich

Schwarz-Gelb will sich auf Wachstumskurs sparen und viele haben sich schon gemeldet und wollen mitmachen: Arbeitgeber und Gewerkschaften mahnen zur Lohnzurückhaltung, was dafür sorgen wird, dass die Binnennachfrage im Keller bleibt und damit auch viele Inlandsinvestitionen. Das ist die Fortführung einer Politik, die die Löhne niedrig (Globalisierung!), die Gewinne hoch und damit den Nachschub an Spielgeld für das globale Kasino aufrecht erhalten wird. Weiter so -bis zur Wand.

4 comments

  1. SZenso sagt:

    Es ist doch reiner Irrsinn. Wir haben gut ausgestattete Bibliotheken, traditionsreiche Theaterstätten, moderne Schwimmbäder – in anderen Worten, wir und unsere Vorfahren haben mit viel Mühe und Schweiß einen ansehnlichen Wohlstand erschaffen. Es stehen auf unserem neu geschaffenen Niedriglohnsektor genügend billige Arbeitskräfte zur Verfügung, um den Wohlstand zu sichern.

    Und jetzt kommt das große ABER: Wir können und unseren Wohlstand nicht mehr leisten, weil wir kein Geld haben. Lustig, das so viele das glauben, hat doch die Krise gezeigt, dass – wenn man möchte – das Gelddrucken kein Problem ist. Solange allerdings das Geld in sinnlose Spekulationen und andere “Finanzprodukte” “investiert” wird, haben wir für die reale Welt tatsächlich kein Geld mehr.

    Jeglicher zukünftiger Wachstum wird nur als Blasebalg für die nächste Blase genutzt. Und das wird intelligent denkenden Menschen als die einzig wahre Alternative verkauft – na denn, bleibt nur das warten auf die harte Wand der Realität.

  2. willi sagt:

    Da hilft wohl nur noch eins: Helm auf.
    Man muss schon aufpassen, dass man nicht stiernackig wird vom dauernden Kopfschütteln.

  3. Peterle sagt:

    Man könnte Neuroleptika von der Rezeptpflicht befreien und als Trenddroge für Volkswirte etablieren.

  4. willi sagt:

    Im Grunde ‘ne gute Idee, wäre nur die Frage, ob die von dir anvisierten Pillen mit dem Zeug mithalten können, das die Damen und Herren bis jetzt einnehmen.
    Aber eine schöne Vorstellung: Die üblichen Verdächtigen sitzen alle im Gruppenraum sehen sich entrückt lächelnd die Soaps in der Glotze an und halten einfach die mal Klappe, weil sie plötzlich jedes Interesse daran verloren haben, den Menschen mit ihrem dummen Geschwätz zu schaden.