Offiziell sind wir ja ein friedliebendes Volk und schießen nur, wenn wir bedroht sind, also nur in einem wirklichen Verteidigungsfall -gut, schon um die Jahrtausendwende wussten die Serben nicht so genau, wie sie uns bedroht haben könnten -aber wenn ehemalige grüne Friedensaktivisten zum Krieg aufrufen ahnt man, dass die Dinge kompliziert sind heutzutage.
Da es aber immer noch einen minimalen Restbestand an Ethik und Moral und einen kleinen Teil von Leuten gibt, für das gezielte Töten von Menschen nichts anderes als Mord ist, bedurfte und bedarf es Sprachregelungen, die dem Geschehen ein wenig humanitären Anstrich verleihen. Niemand will sich gerne sagen lassen, er habe seinen Nachbarn aus reiner Machtgier oder Mordlust überfallen. Deshalb hat die Menschheit im Laufe der Zeit einen ganzen Lastwagen voll Geschichten sich ausgedacht, die begründen sollen, warum wir unsere Soldaten in fremde Länder schicken, die dann dort Frauen, Männer und Kinder umbringen.
Als außerordentlich brauchbar hat sich hier die Kategorie “Weltanschauung” erwiesen. Kriege gehen die Gottlosen, die Freiheitsgegner oder die Verächter des Privateigentums gehen eigentlich immer. Neuerdings hat es sogar die Gleichberechtigung der Frau in den Kanon der vortrefflichen Kriegsgründe geschafft.
Do bad things and feel good at it.
Wir verteidigen unsere Freiheit ja am Hindukusch, wie einst Struck feststellte. Wie absurd das ist mag jeder für sich entscheiden und sich dabei vorstellen, wie ein Afghanischer “Freiheitskämpfer”, der in einer deutschen Fußgängerzone wahllos Menschen erschossen hat, vor einem deutschen Gericht auf unschuldig plädiert, weil er doch aus Notwehr gehandelt habe.
Wir haben natürlich ein schweres Erbe zu tragen, weil wir die Zivilisation in zwei Weltkriege gestürzt haben -zumindest behaupten das die, die die Kriege gewonnen haben. Deshalb müssen wir besonders vorsichtig sein und können uns nicht wie unser großer Bruder auf der anderen Seite des großen Teichs, irgendwas aus den Fingern saugen und mit dem Bombardieren schon mal anfangen, während unsere Geheimdienste noch an den Beweisen für die Kriegsgründe basteln.
Während man sich auf der anderen Seite des großen Teichs in donnernder Kriegsrhetorik ergeht und unverhohlen gegen das “Böse in der Welt” in den Krieg ziehen kann, müssen wir kleinere Brötchen backen. Bei uns geht es “nur” um Verteidigung, Aufbauhilfe und die Ausbildung von Polizisten. Die USA schickt Bomber und Raketen – wir eine Betonmischmaschine und ein paar Soldaten, die darauf aufpassen, damit sie nicht geklaut wird.
Gelogen ist natürlich beides und so peinliche Geschichten wie das Massaker von Kundus, dessen Umstände nach und nach ans Licht kommen könnten eigentlich das ganze Lügengebäude zum Einsturz bringen, auf dem nicht nur der Einsatz in Afghanistan basiert, wenn wir nicht soviel Übung darin hätten, uns die Welt und den Krieg schön zu lügen.
Was hatten wir im Laufe der Zeit nicht alles für hehre Gründe für unser “Engagement” in Afghanistan. Schulen bauen, Polizisten ausbilden, Entwicklungshilfe leisten, für Sicherheit sorgen und nur im äußersten Notfall ein bisschen töten. Nach acht Jahren hat sich die Mär so ziemlich verschlissen und wir sind Besatzer wie alle anderen und der angebliche “Friedenseinsatz” entwickelt sich nach und nach zu einem Krieg, wobei das Wort Krieg tunlichst vermieden wird und im Moment nur von “kriegsähnlichen Zuständen” die Rede ist.
Jetzt ändern sich die Dinge scheinbar noch einmal und so wie es aussieht schaffen wir es doch noch, einen “ordentlichen” Krieg daraus zu machen. Von “gezielten Tötungen” ist die Rede, ein Ausdruck, der im Zivilrecht ziemlich genau das beschreibt, was man für Mord hält. Die Militärs fordern freie Hand und das Wort Endkampf macht wieder die Runde. Längst läuft den Kriegstreibern von SPON bis BILD der Geifer aus dem Maul und sie schwärmen von der “beherzten” Kriegsführung der Amerikaner, die uns Deutschen wegen unverständlicher ideologischer Bedenken und übertriebener political correctness leider versagt ist.
Endlich, wir sind wieder im Krieg.
Vergessen all die Klagen über die Grausamkeit des Kriegs und die schönen Reden vom Frieden und der Versöhnung der Völker. Heute wird wieder verteidigt und erobert. Wir müssen unsere Freiheit verteidigen, auch wenn es eigentlich nur noch die der Märkte ist, denn vom Rest haben wir uns im Zeitalter der elektronischen Überwachung und des “forced Labour” längst verabschiedet und den freien Zugang zu den Rohstoffen, weil sonst unsere Autos nicht mehr fahren, da wir auf das Öl angewiesen sind.
Man wird die Affaire wohl aussitzen und der Verlegenheit aus dem Weg gehen wollen, zuzugeben, dass in Afghanistan Krieg ist. Niemand will eine Diskussion darüber, warum wir an der Seite der USA im Krieg sind, oder warum hier nach mehr als 60 Jahren Frieden immer noch fast 100000 ausländische Soldaten stationiert sind, die Russen abgezogen, der Rest aber noch da ist.
Der Krieg in Afghanistan könnte der Stein sein, der die politischen Lebenslügen Nachkriegsdeutschlands ins Kippen bringt. Aber bei unserer in Treue fest zu unseren transaltlantischen Brüdern stehenden Öffentlichkeit wird das wohl nicht passieren, was schade ist, denn auf nichts ist der Krieg stärker angewiesen als auf die Lüge.
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