Langweilige Wahrheit
Zeitungen müssen Geld verdienen und mit den anderen Medien verhält es sich nicht viel anders. Der Verleger braucht Auflage -oder moderner- SI (Siteimpressions), damit die Werbekunden bereit sind, den Preis für Anzeigen zu zahlen.
Auflage lässt sich am besten mit Krawall und Propaganda machen, wie eine berühmte Zeitung mit vier Buchstaben seit Jahrzehnten beweist. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten sagt man in der Branche. Wen interessiert da schon die Wahrheit, wenn das Spektakel viel mehr einbringt. Es ist natürlich viel spannender, beim Umgang mit dem Islam die alten Frontlinien, die schon damals falsch waren, wieder aufzumachen als sich mit albernen Details zu beschäftigen. Hier ist Freiheit, Demokratie und Wohlstand, dort Unfreiheit, Terrorismus und Armut.
Hauptsache unser Weltbild stimmt und wir wissen, dass wir die Guten sind. Unerschütterlich im Glauben, fest an der Seite der USA, die seit mehr als hundert Jahren im selbstlosen Einsatz dem Rest der Welt versuchen Freiheit und Demokratie oder auch einfach nur Zivilisation zu bringen.
Freiheit und Demokratie wird dabei vorzugsweise per Luftfracht geliefert, die am Boden explodiert. Mit Krieg gewinnt man die Herzen derer, die sich dann irgendwann Demokraten nennen dürfen und später am Nationalfeiertag die ehren dürfen, die dabei leider zu Tode befreit wurden.
Kein Land der Welt gibt mehr Geld für Waffen und den Unterhalt ihrer die Welt umspannenden Militärstützpunkte aus als die USA. Böse Zungen behaupten, es gehe dabei gar nicht um Demokratie und verweisen gerne auf eine lange Reihe von Diktatoren, denen man in den Sattel half, auch wenn dafür der ein oder andere demokratisch gewählte Präsident über die Klinge springen musste. Am bekanntesten dürfte hier wohl chiles Allende und -aus einer gewissen Aktualität heraus- der Iraner Mossadegh sein, die beide mit Hilfe der USA beseitigt und durch Diktatoren ersetzt wurden, die besser zu den amerikanischen Interessen passten. All das ist eigentlich bekannt, kratzt aber offenbar nicht im geringsten an der moralischen Integrität als weltbefreiende Großmacht. Guido Knopp sei Dank wissen wir natürlich, dass das alles böse Verleumdungen von Kommunisten oder ähm Terroristen sind.
Aktuell heißt der Schleudersitz der Geschichte die “Achse des Bösen” und wer darauf Platz zu nehmen hat entscheiden ganz allein die Vereinigten Staaten. Die Kriterien sind dabei beliebig und sind einer gewissen Mode unterworfen. Beim Irak waren es frei erfundenen “Massenvernichtungswaffen”, Afghanistan wurde als Hort von Terroristen gebrandmarkt und wird dafür bis heute bombardiert und beim Iran reicht das Gerücht, es gäbe ein Atomwaffenprogramm. Die irakischen Massenvernichtungswaffen erwiesen sich als Fiktion und bis dato sind keine Beweise aufgetaucht, die die Verbindung 9/11-Bin Laden-Afghanistan belegen, aber die USA halten sich mit solchen Kleinigkeiten nicht auf. Sie brauchen es auch nicht und können völkerrechtswidrige Angriffskriege nach belieben entfesseln, egal wie haarsträubend der Vorwand sein mag. Die USA erkennt den internationalen Gerichtshof in den Haag nicht an und hat verfügt, das kein amerikanischer Staatsbürger sich je vor ihm verantworten muss. Freilich haben nur sie diesen Freifahrtschein - Kriegsverbrecher sind immer nur die anderen – die USA genießt Immunität.
Es stört aber nicht großartig, dass einer der Hauptakteure der Gerichtsbarkeit des Internationalen Gerichtshofs entzogen ist. Zwar ist das Gericht damit nichts mehr als ein peinliches Kasperletheater und dient lediglich als Bühne für politische Schauprozesse, doch was ist schon vollkommen?
Eigentlich wäre es die Aufgabe der Medien als gerne beschworene vierte Kraft der Demokratie auf solche Widersprüche hinzuweisen und in einer besseren Welt hätte man der Willkür der Großmacht die Maske heruntergerissen und die Fratze der Imperialistischen Hegemonialmacht sichtbar gemacht, doch nicht bei uns. Sobald es um amerikanische Interessen geht setzt bei dem allergrößten Teil unserer Medien sofort die Duldungsstarre ein und man lässt es sich “so richtig besorgen”. Keine Propaganda ist mies genug, als dass sie nicht bereitwillig in die Welt hinaus geblasen wird.
Das Aufkommen des “embeddet Journalist” während des zweiten Irakkriegs hat Symbolcharakter und offenbahrt die ganze Korruption des Medienmainstreams und ihre verhängnisvolle Kumpanei mit der Macht. Während es früher noch zum Ethos des Journalisten gehörte, sich nicht gemein zu machen mit dem worüber berichtet wurde, ist man heute “mittendrin statt nur dabei”. Hauptstadtjournalisten machen gar keinen Hehl daraus, das die wichtigsten Dinge im Hinterzimmer geschehen und man sich die Zugehörigkeit zum Kreis erst verdienen muss. Kritik gehört da allerdings gerade nicht zu den Dingen, die den Aufstieg befördern. Das Ergebnis sind dann so unsägliche Schleimereien wie die “Sommerinterviews”, die wir derzeit geliefert bekommen, bei denen man sich fragt, warum die Damen und Herren Journalisten nicht gleich bei einer Werbeagentur anheuern.
Nähe und Einvernehmen ist wichtig heute. Es dient der Auflage und dem Fortkommen des Journalisten. Ein niedliches Beispiel dafür lieferte unlängst Thomas Roth von der ARD, der zur Zeit des Georgienkriegs sein Putininterview solange zerstückelte, bis der russische Kriegsschuldige fertig gestrickt war. Leider flog er damit auf, was ihn aber keineswegs als Journalisten diskreditierte, sonder im Gegenteil erst preiswürdig machte. Als Wiedergutmachung sendete die ARD dann das ungekürzte Interview zu nachtschlafender Zeit.
Ein trauriges Bild auch beim Krieg Israels im Gaza. Israels, dass ja bekanntlich nur über eine Verteidigungsarmee verfügt und seit 60 Jahren zum Wohle der Palästinenser deren Häuser mit Bulldozern niederreißt, damit sie endlich ins schöne Ghetto übersiedeln können, wo sie es dann, wie im dicht besiedelten Gazastreifen, nicht mehr so weit bis zum Nachbarn haben, was natürlich viel schöner ist. Allerdings werden die Palästinenser von Terroristen regiert, was die freilich nicht wissen können, denn was eine frei gewählte Regierung und was Terroristen sind entscheidet Israel und die USA. Die Palästinenser hatten sich verwählt und wurden dafür zur Strafe wochenlang bombardiert. In unseren Medien regte sich nicht der Hauch eines Zweifels an der Berechtigung der Strafaktion. Ein schönes Beispiel für die einmalig schräge Weltsicht liefert die Schilderung der Bombardements, bei denen überwiegend Zivilisten ums Leben kamen. Würde irgendjemand außer den USA oder Israel derart exzessiv zivile Ziele angreifen (trauriger Höhepunkt war der Beschuss von mehreren UN-Einrichtungen), wäre der Aufschrei der Empörung riesig gewesen. Doch bei den Israelis ist es etwas anderes. Man bombardiert nicht wahllos Zivilisten -das sieht nur so aus-, sondern die Hamas versteckt sich unter der Zivilbevölkerung und missbraucht sie als “menschliche Schutzschilde”. Was soll man da machen. Natürlich war ganz allein die Hamas Schuld an allem und Israel handelte in Notwehr. Unsere Medien verbreiteten unhinterfragt israelische Propaganda und luden jeden professionellen Lügner ein, der sie wiederholte. Andersdenkende wurden bei Plassberg oder anderen “Diskussionssendungen” hingerichtet und als Antisemiten gebrandmarkt. Die Indolenz, was das Schicksal der Palästinenser angeht, dauert übrigens bis heute an.
Mittlerweile muss man den Eindruck haben, dass nicht nicht nur bei Springer unterschrieben wird, alles zu verschweigen, was den Interessen der USA oder Israel schaden könnte. Der Rest scheint aus freien Stücken mitzumachen, vielleicht reicht aber auch ein Blick in die Eigentumsverhältnisse der Medienkonzerne um zu verstehen, dass man mit einer anderen Meinung nicht allzu weit kommt.
Ein schönes Beispiel liefern zur Zeit die Geschehnisse im Iran. Da werden Wahlen abgehalten, die ungefähr das Ergebnis der einzig verlässlichen Umfrage vor der Wahl widerspiegeln. Da der Iran aber gerade auf der Achse des Bösen sitzt und immer noch brav kolportiert wird, er wolle Atombomben bauen, obwohl selbst der CIA mittlerweile eingeräumt hat, dass dem wohl nicht so ist, kann es sich nur um Wahlbetrug handeln. Zwar ist bekannt, dass die USA seit geraumer Zeit versuchen, das Land von innen heraus zu destabilisieren und der Kongress kürzlich dafür nochmal 400 Mio Dollar bewilligt hat, doch das ficht keinen an. Auch nicht die Tatsache, dass die Demonstranten auf den Bildern ihre Transparente nicht etwa in der Landessprache Faarsi, sondern in englischer Sprache beschriften, was schon irgendwie merkwürdig ist, löst keine Verwunderung aus.
Diese Blindheiten passen in die lange Reihe von Lügen, die immer wieder bereitwillig wiederholt werden, auch dann noch, wenn längst klar ist, dass es Lügen sind. So wird selbst heute noch Mahmud Ahmadinedschad gerne unterstellt, er wolle Israel vernichten und alle Juden ins Meer treiben, obwohl er das nie gesagt hat.
So strickt der Medienmainstream täglich an seinem bizarren Panoptikum, dass er als Wirklichkeit verkauft und wer heute wissen will, was gerade passiert, versucht aus anderen Quellen sich ein Bild zusammenzusetzen (Blogs, ausländische Zeitungen etc.).
Trotzdem finden sich zuweilen auch noch kluge Worte und leisere Töne.
In der SZ fragt sich der ägyptische Schriftsteller Alaa Al-Aswani ob der Westen den Islam hasst und kommt zu dem Schluss, dass sich die Frage nicht beantworten lässt, weil er sich nicht mit dem Islam beschäftigt, sondern nur mit seinem Zerrbild. Er zeigt auf, dass Tote nicht gleich Tote sind und Unterschiede gemacht werden, die der Politik dienen, der Wahrheit aber abträglich sind:
Während der jüngsten Unruhen in Iran wurde eine junge iranische Frau namens Neda Sultan von einem Unbekannten erschossen. Ihr Tod war schon bald eine Spitzenmeldung der internationalen Medien. Westliche Politiker bewegte ihr Tod so sehr, dass selbst Präsident Obama den Tränen nahe war. Ein paar Wochen später wohnte eine ägyptische Frau namens Marwa Al-Shirbini in Dresden den Gerichtsverhandlungen gegen einen Mann bei, der sie rassistisch beschimpft hatte, weil sie einen Hidschab getragen hatte. Als das deutsche Gericht ihn dafür zu einer Strafe von 2800 Euro verurteilte, drehte der Mann durch und griff Marwa und ihren Mann mit einem Messer an. Marwa starb sofort, ihr Mann wurde lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus gebracht. Menschliches Leben sollte in jedem Falle gleichwertig sein und die Trauer, die Marwas Familie über ihren Tod empfand, war nicht geringer als die Trauer, welche die Familie der iranischen Frau Neda empfand.
Es fehlt die Motivation, die Dinge richtig zu stellen. Klar ist es viel interessanter über radikale Interpreten des Koran zu berichten, die der Meinung sind andersgläubige seien Todfeinde und gehörten umgebracht. Friedfertigkeit liefert keine guten Schlagzeilen. (Die Sprache verrät hier den Zweck: Der Leser soll geschlagen werden um danach leicht benommen vom Schreck den Rest lesen und bitteschön auch glauben.)
Der Westler wird all das lesen und keineswegs die Wahrheit finden. Er wird nicht herausfinden, dass die Frau des Propheten 19 und nicht neun Jahre alt war. Er wird nicht herausfinden, dass der Islam Männern und Frauen gleiche Rechte und Pflichten gibt. Er wird nicht herausfinden, dass jeder, der jemanden tötet, in den Augen des Islam alle Menschen getötet hat. Er wird nie herausfinden, dass der Gesichtsschleier Niqab nichts mit dem Islam zu tun hat, sondern ein Brauch ist, der mit dem Geld aus dem Golf aus einer zurückgebliebenen Wüstenkultur zu uns gekommen ist. Der Westler wird nicht herausfinden, dass die wahre Botschaft des Islam Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit ist, dass er die Freiheit des Glaubens garantiert, dass alle die glauben wollen, glauben dürfen, und alle die, die nicht glauben wollen, nicht müssen, und dass Demokratie ganz essentiell ist für den Islam, weil kein moslemischer Herrscher sein Amt ohne die Zustimmung und die Wahl der Moslems bekleiden darf. Können wir es dem Westler letztlich vorhalten, wenn er den Islam für eine Religion der Rückständigkeit und des Terrorismus hält?
Der Westler könnte aber seinen Kopf benutzen und nicht blind alles glauben, was ihm vorgesetzt wird, auch wenn diese Form der Medienkompetenz nicht besonders erwünscht ist. Sie ist notwendig.
Juli 13, 2009 | Posted by willi
Categories:
Tags:
Letzte Kommentare