Bildung ist ja immerhin so wichtig, dass wir deswegen Gipfel veranstalten. Da kommt dann die bunte Kanzlerin vorbei lässt schöne Bilder mit Schulkindern machen und erklärt den wartenden Reportern, dass Bildung jetzt Chefsache sei.
Derweil schränken ihre Handlanger in den Gerichten die Nutzungsrechte für Leseplätze von Bibliotheken weiter ein und untersagen auch das teilweise Ausdrucken digitalisierter Werke. Schon klar, Bildung ist unser wichtigster Rohstoff und wir können nur bestehen, wenn wir mutig voranschreiten und uns den Herausforderungen der modernen Informationsgesellschaft stellen -Bla Blah.
Wer sich die Fachbücher nicht leisten kann muss dann eben dumm bleiben. Wo kämen wir hin, wenn wir unseren Studenten allen alles Wissen frei zur Verfügung stellten. Wissen muss sich rentieren und es kann ja auch nicht angehen, dass jeder arme Schlucker an alle Informationen herankommt. Bildung für alle -so weit kommt’s noch!
Diese Land wird an Dummheit und Gier zugrunde gehen. Die Verlage haben die letzten 20 Jahre geschlafen und sehen nun plötzlich, dass sich die Welt verändert hat. Kaum geändert hat sich allerdings ihr Geschäftsmodell. Sie bereiten Informationen auf, verpacken sie in ein Medium und verkaufen sie weiter. Jetzt versuchen sie mit aller Gewalt ihre davon schwimmenden Felle zu retten. Mit abstrusen Rechtsvorschriften versuchen sie Menschen zu kriminalisieren, die nichts andres tun, als die Möglichkeiten der digitalen Technik zu nutzen. Aber den Fortschritt mit abstrusen Gesetzen aufzuhalten ist ja nichts wirklich Neues.
Die alten Industrien haben irgendwie nicht mitbekommen, dass es so etwas wie eine Community gibt, die nicht nur kostenlose Betriebssyteme programmiert, sondern auch Informationen frei verfügbar macht. Digitaltechnik, wie sie heute in nahezu allen Wohnzimmern in Form von Computern herumsteht, versetzt Max Mustermann in die Lage, Musik zu machen, alle möglichen Arten von Dokumenten zu erstellen und sie auch zu publizieren. Bis heute kämpft die Lobby von Musik und Verlag mit aller Macht dagegen an, dass die Leute die Dinge tun, die sie tun können und für die sie schließlich auch bezahlt haben. Klar, wir finden wir das ganz toll, wenn sie Audiosoftware kaufen, aber bitte keine Samples oder Meshups ins Netz stellen -nur für den Privatgebrauch!
Das Problem ist ein Grundsätzliches: Mit ganz großen Augen haben Unternehmen und Politik auf den Technischen Fortschritt gestarrt und gedacht, alles würde so weiterlaufen wie bisher. Die Produktionsmittel haben weiterhin nur die in der Hand, die das nötige Kapital haben und der Rest soll bitteschön wie früher alle Produkte kaufen. Moderne Technik ändern aber etwas ganz wesentliches: Heute kann jeder versierte Laie z. B. genau die Musik selber erstellen, für die man früher ein Tonstudio brauchte. Er kann Dokumente selber erstellen und publizieren und das auf einem Level, der vor gar nicht all zu langer Zeit top ausgerüsteten Verlagen vorbehalten war. Es stellt sich raus, dass technischer Fortschritt nicht nur die Produktivität enorm steigert, sondern auch diverse Geschäftsmodelle, die auf der knappen Verfügbarkeit von Produktionsmitteln basierten einfach überholt.
Knappe Verfügbarkeit sicherte den Preis und das Einkommen des Herstellers. Die Möglichkeit der kostengünstigen bis fast kostenlosen Vervielfältigung durch moderne Digitaltechnik ruiniert sein Geschäftsmodell. Die Erfahrung ist nicht neu und gehört zum Fortschritt -das Aufkommen des Autos hat zahllose Hufschmiede ruiniert. So what.
Abgesehen von der grundsätzlichen Frage, ob denn wirklich alles der kapitalistischen Verwertung überantwortet werden sollte -eine Frage, die von der Mehrheit unserer Politiker mit unwesentlichen Restskrupeln rundheraus bejaht wird- oder ob es nicht schlau sein könnte, Wissen und Bildung davon auszunehmen.
Man stelle sich vor: In Deutschland soll eine Revolution stattfinden, die aber leider nicht zustande kommt, weil der potentielle Revolutionär kurz vor Ausbruch der Unruhen verhaftet wird. Der Grund war, das er in dem via Internet verbreiteten Aufruf einige Textpassagen eines Philosophen zitiert hatte, auf den ein Verlag noch das Copyright hat. Mit einstweiliger Verfügung wird der Aufruf kassiert und die Sicherheitsbehörden stecken unseren verhinderten Revolutionsführer prophylaktisch in U-Haft, weil sie auf Grund eines unsteten Lebenswandels Fluchtgefahr sehen. So konnte die Welt nicht gerettet werden, weil ein Verlag etwas dagegen hatte. Schade.
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