Nicht umsonst gestorben
Die Menschen taten sich schon immer schwer mit dem Gedanken, dass sie, wenn sie bei Nacht und klarem Himmel in die Sterne blicken, etwas vor sich haben, dass kalt, sehr viel größer als sie selbst und aller wahrscheinlich dem Menschen gegenüber vollkommen gleichgültig ist. Wie viel angenehmer wird doch der Anblick, wenn man vom Himmelszelt redet und davon ausgeht, es gäbe da einen Gott, der die Pflöcke, die das glitzernde Dach über dem Horizont in Position halten, höchst persönlich eingeschlagen hat.
Für Menschen, denen der Sinn für solche Art existenzieller Poesie fehlt, weil sie einen zu nüchternen Blick auf die Dinge haben, ist das alles Brimborium. Die Mehrheit der Menschen aber mag Brimborium, weil es ihnen hilft, mit der Realität, mit all der Sinnlosigkeit, der Ungerechtigkeit und dem Missbrauch, den man mit ihnen treibt, zurecht zu kommen.
Kürzlich sind drei Soldaten in Afghanistan umgekommen, in einem Krieg, der auf Grund juristischer Spitzfindigkeiten keiner sein darf und aktuell gerade mal zum umgangssprachlichen Krieg aufgestiegen ist, nachdem es eine Weile so aussah, als würde er es nicht weiter als bis zum kriegsähnlichen Zustand bringen. Doch jetzt haben wir fast so etwas wie Krieg und wir können endlich, wie Springer’s Bildzeitung befiehlt, das große Brimborium abhalten, um das Geschehen und dessen unausweichliche Folgeerscheinungen -das Sterben der Soldaten- angemessen zu würdigen. Ganz viele Kameras waren da und nicht nur der adelige Verteidigungsminister, sondern auch die Kanzlerin gaben sich die Ehre und verteilten warme Worte, dass es nur so eine Freude war. Brimborium halt.
Kaum zu glauben, dass nun die Würmer die drei Soldaten fressen werden, genau wie die die 36 anderen. die ihnen vorausgegangen sind. Ihr Tod ist beliebig, wie in jedem Krieg, denn die Kriegsmaschinerie, der sie dienten, ist den Menschen gegenüber nicht minder gleichgültig wie das kalte, endlose Universum. Alles andere ist eine Lüge und die pompösen Trauerfeiern ehren nicht die Toten, sondern feiern den Krieg, dem Götzen, dem man zu allen Zeiten bedenkenlos ungezählte junge Leben zu opfern bereit war.
Man muss gar nicht mal die Frage aufwerfen, ob denn nun der Krieg in Afghanistan gerecht und sinnvoll ist oder nicht. Im Gegenteil, das lenkt nur von der Tatsache ab, was Krieg bedeutet: sinnloses massenhaftes Abschlachten von Menschen, das erst ihr Ende findet, wenn einer Seite die Waffen oder die Soldaten ausgehen. Das ist im Grunde dermaßen bescheuert, dass es eigentlich nicht so recht einzusehen ist, warum Kriege immer noch eine Option der Politik und nicht längst geächtet ist.
Trauerfeiern wie die der vergangene Woche dienen allein dem Zweck, dass sinnlose Sterben zu beschönigen und den Missbrauch von jungen Menschen zu verschleiern, denen man, wie allen anderen, einzureden versucht, sie kämpften für eine gerechte Sache und nicht etwa für den Profit von Banken und Konzernen. All die zur Schau gestellte Anteilnahme kann das zynische Kalkül der Krieg führenden nicht übertünchen, die längst entschieden hatten, dass das Leben der drei Soldaten weniger Wert ist als ihre Interessen in der Region. Das Leben der Soldaten ist ihnen egal und diese Gleichgültigkeit schafft auch keine noch so salbungsvolle Rede aus der Welt. Auch den Angehörigen wird wahrscheinlich irgendwann aufgehen, dass der Tod nicht dadurch besser wird, dass sich ein paar Reiche und Mächtige von Amts wegen für ihn bedanken.
Vor den Trauerfeiern waren etwa 80% der Bevölkerung gegen den Krieg in Afghanistan. Sollten die Umfragewerte allerdings mittlerweile ein wenig besser sein, wären die drei Soldaten in der Tat nicht umsonst gestorben.
