Es gibt Länder, die müssen mit ihrer Geschichte klar kommen wie sie ist. In gewisser Hinsicht gilt das auch für Deutschland, zumindest für den Teil der Geschichte, der von den Gerichten überwacht wird und nicht in Frage gestellt werden darf. Wer das tut ist ein Leugner und Volksverhetzer und wird bestraft.
Der Rest der Geschichte ist verhandelbar und darf gedeutet und erklärt werden wie man lustig ist. Das gilt auch für die jüngste Geschichte, inbesondere für die des Protests der APO und des Terrors in den 70ern.
Wärend andere Länder auf so unzuverlässliche Quellen wie die Geschichtswissenschaft oder Zeitzeugen angewiesen sind, haben wir zusätzlich noch einen Behörde, die hilft, Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen: die Birthler (früher Gauck-) Behorde. Hier arbeitet man emsig daran, neue Erkenntnisse zu gewinnen und hat deshalb alle noch verfügbaren Stasiakten versammelt um sie auszuwerten.
Ursprünglich wollte man allen Betroffenen die Möglichkeit eröffnen auf einen Antrag hin Einsicht in ihre Akte zu haben. Allerdings kam man bald auf die Idee, dass es vielleicht nicht so gut ist, wenn alle wissen, was die Stasi wusste, insbesondere dann, wenn es um politische Prominenz geht -zumindest dann, wenn es um Abhörprotokolle im Zusammenhang von Parteispenden wie im Fall Kohl geht, als man sich entschloss, sie doch lieber unter Verschluss zu halten. Auch die Unterlagen, über unsere ehemalige FDJ-Sekretärin wird niemand zu Gesicht bekommen. Ähnlich erging es den Rosenholzakten, deren Einsicht an nahezu unerfüllbare Bedingungen geknüft und die somit faktisch geheim ist.
Seit einigen Jahren hört man nur noch glegentlich etwas von Stasivorwürfen, insbesondere dann, wenn die Linke populär zu werden droht, wie im Fall Gysi vergangenes Jahr. Es gab zwar weder Neues noch Stichhaltiges zu vermelden, aber irgendwas wird schon hängenbleiben, wenn man es oft genug erwähnt.
So trägt die Behörde zur Aufklärung bei, zumindest wenn es in den Kram passt. Im Moment scheint es zu pasen, alles zu diskreditieren, was nur irgendwie links sein könnte. Offenbar fürchten sich einigen davor, dass dem Bürger aufgehen könnte, dass unsere etablierten Parteien garade dabei sind ihre Zukunft an das Großkapital zu verschenken, weil ihnen in ihrer Inkompetenz garade nichts besseres einfällt, als den Kollaps mit Abermilliarden Steuergeldern künstlich hinauszuzögern.
Zwar hat die Linke bisher auch nicht viel Konstruktives zu bieten gehabt, aber zumindest immer wieder angeprangert, dass die Lösung nicht daran bestehen kann, Milliarden in Pleitebanken zu versenken.
Zu unserem Glück klärt und Frau Birthler darüber auf, dass man mit den Linken vorsichtig sein müsse, weil doch wahrscheinlich immer schon die Stasi dahintergesteckt hat. Unbedarfte glauben ja gerne, bei vielen der westlichen Linken handele es sich um Leute, die sich seinerzeit gegen das Establishment auflehnten und es sei um Dinge wie Faschismus, Vietnamkrieg und Demokratisierung gegangen.
So war zum Beispiel der Herr Kurras, der seinerzeit -in Notwehr, wie bei Sicherheitskräften die Regel- den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, wie man herausgefunden haben will, ebenfalls ein Stasimann, was natürlich sofort die Schlussfolgerung nahelegt, der ganze Zirkus um die APO sei von der Stasi inszeniert worden, indem sie den Auslöser für die Krawalle selbst schuf.
Dam müssen jetzt wohl viel Abbitte leisten und sich von geliebten Irrtümern verabschieden…
Ja, wir haben uns vom roten Satan – damals “Spitzbart” geheißen – auf den Irrweg des Protestes und der Demonstration verleiten lassen, wir waren die willenlosen Marionetten der roten Diktatur. Ja, kam nicht Rudi Dutschke auch aus der Zone?! – Angesichts dieser “neuen Wende”, so wiederum der Spiegel, sollte unser Erinnerungsmuseum aber auch konsequent ummöbliert werden. Etwa so: Die Berliner Polizei war, soweit sie nicht selbst vom Ulbrichtregime gesteuert wurde, grunddemokratisch; die Bildzeitung, für die heute H.M. Broder gute Worte einlegt und Alice Schwarzer wirbt, war – und ist – ein Kulturblatt von zutiefst humanistischer Gesinnung; der Shah von Persien war ein zu Unrecht von Bahman Nirumand beschimpfter gütiger Wohltäter des Volkes, und die von der Berliner Polizei tatkräftig unterstützten Jubel- und Prügelperser waren keine Schläger, sondern eine Volkstanzgruppe im Rahmen des deutsch-iranischen Kulturaustausches.
Für die Zukunft wollen wir geloben, unsere weisen Obrigkeiten in jeder Hinsicht, von Sozialdemontage bis zu weltweiter Kriegsführung, vorbehaltlos zu unterstützen und jedem Anflug einer neuen Protestbewegung schärfstens entgegenzutreten. Der Bildzeitung haben wir’s geschworen, der Marianne Birthler reichen wir die Hand. (PK)
Da können wir doch stolz sein auf den unermüdlichen Einsatz der Frau Birthler und ihr feines Händchen was das Timing angeht. So wird uns dieses so ungemein praktische Damoklesschwert der Stasiverstrickungen und ihre Behörde wohl noch lange erhalten bleiben.
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